„Besser genug“

Neben allen methodischen Feinheiten, die ich von Steve de Shazer gelernt habe, hat
mich am meisten seine Art beeindruckt. Er war ruhig, freundlich und sehr aufmerksam,
wenn er angesprochen wurde. War das nicht der Fall, dann schwieg er. Und schwieg.
Wollte nichts.
Steve trug besondere Schuhe, handgemachte Schuhe aus Italien. Und er ging mit
großen, sehr bedachten Schritten. Als würde er den einzelnen Schritten nachlauschen
und jeden einzelnen ganz bewusst erleben.
Im Seminar reagierte er auf Fragen von Teilnehmern ganz unterschiedlich, mal mehr,
mal weniger geduldig. Alles Lernen muss vom Schüler ausgehen, sagte er; und machte
in Form und Inhalt keine Kompromisse. Ich habe das damals nicht richtig verstanden.
Warum nimmt er die Verärgerung von Teilnehmern in Kauf? Und einige waren
verärgert! Vielleicht wollte er nicht durch zu großes Entgegenkommen in die
Entscheidung einzelner Schüler einzugreifen, bei wem und was sie wie lernen mögen.
Aber vermutlich wollte er einfach nur er selber bleiben, ganz so, als sei das für alle
Beteiligten langfristig gut genug. Ja, gut genug und nicht das Beste. Steve war kein
Vertreter des Besten, das stets mehr von uns verlangt und mehr verspricht, das der
Feind des Guten ist und uns in einem fort vorantreibt.
Dies spiegelt sich auch in seiner ungewöhnlich formulierten Frage an seine Klienten,
ob es besser genug sei. Hier liegt für mich die Essenz von Steve de Shazers großem
Beitrag. Die Fragestellung lädt dazu ein, unserem natürlichen Streben und
Wachsen etwas mehr Gelassenheit und Wertschätzung an die Seite zu stellen. Mehr
nicht, aber auch nicht weniger.
Und vielleicht hilft sie uns und unseren Klienten dabei, etwas häufiger den einzelnen
Schritten in unseren Leben nachzulauschen ... auch in schwierigen Zeiten, mit Freude.
Herzliche Grüße,
Christoph